BRASIS – ALBUM – Duo Oltheten-Gomide

 

Lucas Nobile (Übersetzung: Rita Gravert)

 

Wenn der Ruhm eines Künstler die Grenzen seines Landes überwindet und mit seinem Werk international erfolgreich ist, wird vieles über die Vorzüge gesagt – von denen es unzählige gibt – doch für gewöhnlich findet der damit einhergehende Schaden wenig Beachtung: die verfälschende und ungerechte musikalische Verallgemeinerung einer gesamten Nation.

 

Brasilien hat das schon einige Male erleben müssen. In den 1960er-Jahren wurde das Album „Getz/Gilberto“, das die brasilianischen Musiker João Gilberto, Tom Jobim und Astrud Gilberto gemeinsam mit dem nordamerikanischen Saxofonisten Stan Getz auf einer Platte vereinte, millionenfach verkauft, mit mehreren Grammys ausgezeichnet und verblieb für beinahe 100 Wochen in den Billboard Charts. Die Folgen? Brasilien wurde zum „Land des Bossa Nova“ erklärt, als hätte es sich über Nacht in Aushängeschild oder Postkarte eines einzelnen Musikstils verwandelt.

 

Doch für das Land war das bei weitem kein neues Phänomen. Schon Jahre zuvor hatte Carmen Miranda Hollywood verzaubert, was zur Folge hatte, dass nicht nur Brasilien, sondern ganz Südamerika auf eine Figur reduziert wurde: der Stereotyp des heiteren, ausgelassen feiernden, karnevalesken und naiven Sambamusikers.

 

Als könnte ein einzelnes Musikgenre ein Land von der Größenordnung eines ganzen Kontinents repräsentieren, in dem die unterschiedlichsten musikalischen Strömungen wie Forro, Choro, Maracatu, Samba, Baião, Walzer, Maxixe, Toada, Embolada, Catira, Ijexa, Pagode, Jongo, Repente und viele mehr produziert und gehört werden. All diese Musikrichtungen werden in unterschiedlichsten instrumentalen Formationen gespielt und auch mit Texten gesungen.

 

In dem Anliegen, der Welt einen unter Wasser liegenden Teil dieses musikalischen Eisbergs Brasilien vorzustellen, taucht das Duo Daphne Oltheten (Geige) und Henrique Gomide (Klavier) in die Werke bisher wenig bekannter Komponisten ein. Ein Teil der gesammelten Schönheiten findet sich unter den 12 Titeln dieses Albums, das keinen treffenderen Namen hätte bekommen können: „Brasis“, auf Portugiesisch die Mehrzahl von Brasilien (Brasil).

 

In ihrer Hommage findet sich unter anderen Elomar (Elomar Figueria de Melo), eine Art Volksliedermacher und Komponist außerordentlich komplexer Stücke – sowohl in poetischer als auch musikalischer Hinsicht –, der seine Inspiration aus Motiven und Traditionen seiner Heimatregion zieht, wo er in Abgeschiedenheit abseits der großen urbanen Zentren lebt. Elomars Kompositionen erwecken den Eindruck, als hätten sich Shakespeare und Cervantes zu einem Duell in der Caatinga im Landesinneren vom Bundesstaat Bahia getroffen. Aus seinem Werk präsentiert das Duo Oltheten-Gomide „Bespa“, das Auftaktlied seiner Oper „Auto da Caatingueira“.

 

Henrique und Daphne widmen ihr Album zudem den großen Erneueren der brasilianischen Musik im ausgehenden 20. Jahrhundert: Von Garoto (Aníbal Augusto Sardinha, 1915-1955, auch als „Vater der modernen brasilianischen Gitarre“ bezeichnet), stellt das Duo die Stücke „Desvairada“ und „Debussyana“ vor, ebenso wie den wunderschönen und beinahe vergessenen Walzer „Luar de Areal“. Die auf dem Album erhaltene Version des musikalischen Juwels von Garoto wurde in den 50er Jahren von Geiger Fafá Lemos gemeinsam mit d

em Komponisten selbst an der Gitarre als Auftakt eines Radioauftritts vorgestellt.

 

Von dem genialen Komponisten und Arrangeur Moacir Santos (1926-2006) aus Pernambuco stellen Henrique und Daphne „Flores“ und „Vaidoso“ vor, wobei sich zu letzterem auch der deutsche Trompeter Matthias Schriefl hinzugesellt (Sieger des Neuen Deutschen Jazzpreises im Jahr 2019). An diesen beiden Choros, wie auch im Gesamtalbum, wird die taktvolle Herangehensweise des Duos Oltheten-Gomide offenbar: Sie legen die Schönheit der Kompositionen frei, ohne sie zu dekonstruieren. Schließlich werden uns Werke präsentiert, die sich bis heute einer kleinen, aber leidenschaftlichen Hörerschaft erfreuen.

 

Doch Moacir ist nicht der einzige Komponist auf dem Album, der aus dem Nordosten Brasiliens stammt. Von dem pernambucanischen Akkordeonspieler Mestre Camarão (Reginald Alves Ferreira, 1940-2015) spielt das Duo „Canhoto“ und von dem Multi-Instrumentalisten Hermeto Pascoal aus Alagoas das Stück „Montreaux“.

 

Unter den herausragenden Künstlern, die das Duo auf dem Album versammelt hat, sticht außerdem der Name Guingas (Carlos Althier de Souza Lemos Escobar) heraus. Es genügt zu erwähnen, dass er derzeit zu den bedeutendsten Komponisten der Welt zählt. Aufgewachsen in den Vorstädten von Rio de Janeiro, überführt der Geiger und Sänger wie kein zweiter den unendlichen Reichtum unterschiedlicher brasilianischer Musiktraditionen in die verschiedenen Formsprachen von Jazz und Klassik. Nach namhaften Künstlern wie Esperanza Spalding, Michel Legrand und Paco de Lucia – von dem die folgende Aussage über den brasilianischen Musiker und Komponisten stammt: „Ich wollte meine musikalische Welt gegen die seine eintauschen“ – sind auch Gomide und Oltheten von seinen Klanggemälden fasziniert. Er ist mit den Stücken „Pucciniana“ und „Meu pai“ (mit der Stimme der venezolanischen Sängerin Yma America) auf dem Album vertreten.

 

Von den zeitgenössischen und jüngeren Komponisten nahm das Duo „Quase Caindo“ von dem Geiger Ricardo Herz auf und erhielt dabei Unterstützung von dem holländischen Percussionisten Antoine Duijkers und seinem interessanten Trommelset aus Mali und dem Senegal. Außerdem findet sich im Repertoire das Stück „Shot #4“, eine Komposition von Henrique Gomide selbst, die er gemeinsam mit dem Schlagzeuger und langjährigen Mistreiter des Caixa Cubo Trios João Fideles vorstellt.

 

Angesichts eines Projektes wie diesem, mit dem so passenden Namen „Brasis“, bleibt einem nur, den Hut vor Henrique und Daphne zu ziehen, für ihren Beitrag, in der Welt einen bedeutenden Teil des rhythmischen, harmonischen und melodischen Reichtums auszusähen, der in der fruchtbaren musikalischen Erde Brasiliens schlummert.



Lucas Nobile ist Journalist und Autor von „Raphael Rabello: o violão em erupção“ (2018), „Dona Ivone Lara: A Primeira-Dama do Samba“ (2015) sowie einigen Ausgaben der „Coleção Folha – Tom Jobim“ (2013). Er war als Musikjournalist bereits für die Zeitungen Folha de S. Paulo und Estado de S. Paulo tätig und hat zudem für das Institut Moreira Salles (IMS – Rádio Batuta), Apple Music, O Globo, Bravo!, Rolling Stone, Clarín, Carta Capital, UOL und den Musikpreis Prêmio da Música Brasileira gearbeitet.