BRASIS (Jenseits von Brasilien)

Lucas Nobile (Übersetzung von Rita Gravert)

Wenn ein Künstler mit seinem Werk die Grenzen seines Landes überwindet und international erfolgreich ist, wird vieles über die Vorzüge gesagt – wovon es natürlich reichlich und lobenswerte gibt – doch für gewöhnlich bleibt der damit einhergehende Schaden unbeachtet: die verfälschende und ungerechte musikalische Verallgemeinerung einer gesamten Nation.


Mein Heimatland Brasilien hat das schon einige Male erleben müssen. In den 1960er-Jahren wurde das Album „Getz/Gilberto“, das die brasilianischen Musiker João Gilberto, Tom Jobim und Astrud Gilberto gemeinsam mit dem nordamerikanischen Saxofonisten Stan Getz auf einer Platte vereinte, millionenfach verkauft, mit mehreren Grammys ausgezeichnet und verblieb für 96 Wochen in den Billboard Charts. Die Folgen? Brasilien wurde zum „Land des

Bossa Nova“ erklärt, als hätte es sich über Nacht in Aushängeschild oder Postkarte eines einzelnen Musikstils verwandelt.


 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

Doch für das Land war das bei weitem kein neues Phänomen. Schon Jahre zuvor hatte Carmen Miranda Hollywood verzaubert, was zur Folge hatte, dass nicht nur Brasilien, sondern ganz Südamerika auf eine Figur reduziert wurde: Das Stereotyp des heiteren, ausgelassen feiernden, karnevalesken und naiven Sambamusikers. Als könnte ein einzelnes Musikgenre ein Land von der Größenordnung eines ganzen Kontinents repräsentieren, in dem die unterschiedlichsten musikalischen Strömungen wie Forro, Choro, Maracatu, Samba, Baião, Walzer, Maxixe, Toada, Embolada, Catira, Ijexa, Pagode, Jongo, Repente und viele mehr produziert und gehört werden. All diese Musikrichtungen werden in unterschiedlichsten instrumentalen Formationen gespielt und auch gesungen.


Mit dem Anliegen, der Welt einen unter Wasser liegenden Teil dieses musikalischen Eisbergs Brasilien zu vorzustellen, taucht das Duo Daphne Oltheten (Geige) und Henrique Gomide (Klavier) in die Werke bisher wenig bekannter Komponisten ein. Einer davon ist Elomar (Elomar Figueria de Melo), eine Art Volksliedermacher und Komponist außerordentlich komplexer Stücke – sowohl in poetischer als auch musikalischer Hinsicht –, der seine Inspiration aus Motiven und Traditionen seiner Heimatregion zieht, wo er in Abgeschiedenheit abseits der großen urbanen Zentren lebt. Elomars Kompositionen erwecken den Eindruck, als hätten sich Shakespeare und Cervantes zu einem Duell in der Caatinga im Landesinneren vom Bundesstaat Bahia getroffen. Aus seinem Werk präsentiert das Duo Oltheten-Gomide „Bespa“, das Auftaktlied seiner Oper „Auto da Caatingueira“. Keiner hat Elomar so treffend beschrieben wie Vinicius de Moraes (der erste Songwriter von Tom Jobim und João Gilberto, als sie den Bossa Nova begründeten): „Seine Kompositionen sind eine weise Mischung aus mittelalterlichem Romanceiro, wie er von den Ritterkönigen und fahrenden Spielmännern gesungen wurde und seine Blüte zur Zeit Elisabeths von England hatte, und einer Liedersammlung aus dem brasilianischen Nordosten, mit seinen Weisen in klagenden Terzen und seinen Volksliedern (Canções de Cordel)“.

Henrique und Daphne widmen sich außerdem dem Werk zweier großer Erneuerer der brasilianischen Musik im ausgehenden 20. Jahrhundert: Von Garoto (Aníbal Augusto Sardinha, 1915-1955, auch als „Vater der modernen brasilianischen Gitarre“ bezeichnet), stellt das Duo die Walzer „Desvairada“, „Luar de Areal“ und „Sobre el Mar“ vor. Von Pixinguinha (Alfredo da Rocha Vianna Filho, 1897-1973, der größte Name in der Geschichte des Choro) spielen sie den Walzer „Rosa“ (in Zusammenarbeit mit Octavio de Souza und Cândido das Neves komponiert) und den Choro „Seu Lourenço no Vinho“ (von Pixinguinha und Benedicto Lacerda). Ein weiterer herausragender Komponist im Programm des Duos ist Guinga (Carlos Althier de Souza Lemos Escobar), der im Jahr 2020 seinen 70. Geburtstag feiert. Es genügt zu erwähnen, dass er zur Zeit einer der bedeutendsten Komponisten der Welt ist. Aufgewachsen in den Vorstädten von Rio de Janeiro, überführt der Geiger und Sänger wie kein zweiter den unendlichen Reichtum unterschiedlicher Musiktraditionen und den brasilianischen Malandragem (Gaunertum, Gesindel) in die Genres der Hochkultur wie Jazz und Klassik. Nach namhaften Künstlern wie Esperanza Spalding, Michel Legrand und Paco de Lucia – von dem die folgende Aussage über den brasilianischen Musiker und Komponisten stammt: „Ich wollte meine musikalische Welt gegen die seine eintauschen“ – sind auch Gomide und Oltheten von seinen Klanggemälden fasziniert. Er ist mit dem Stück „Pucciniana“ im Programm vertreten. Von den zeitgenössischen und jüngeren Komponisten nahm das Duo Ricardo Herz mit „Quase Caindo“ auf, seit Fafá Lemos (1921-2004) wohl der beste populäre Geiger Brasiliens.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Angesichts eines Projektes wie diesem, mit dem so passenden Namen (Brasis, plural von Brasil, zu dt. Brasilien oder Jenseits von Brasilien), bleibt einem nur, den Hut vor Henrique und Daphne zu ziehen, für ihren Beitrag, in der Welt einen bedeutenden Teil des rhythmischen, harmonischen und melodischen Reichtums auszusähen, der in der fruchtbaren musikalischen Erde Brasiliens schlummert.